Die SZ verdient an der Zerstörung der türkischen Demokratie

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat erneut einen Tiefpunkt in ihrer Geschichte erreicht:

Mit der Veröffentlichung einer ganzseitigen Anzeige der „Union of Chambers and Commodity Exchanges of Turkey“ in der Wochenendausgabe vom 15./16. Juli 2017 schafft sie es, gleichzeitig der türkischen Demokratiebewegung in den Rücken zu fallen, Erdoğans Usurpation und Aushöhlung der laizistischen türkischen Republik zu unterstützen, dessen angestrebtem neuen Sultanat am Bosporus Schützenhilfe zu leisten und mit diesem Verrat an vorgeblich eigenen demokratischen Maximen am Ende auch noch eine hübsche Stange Geld zu verdienen!

Da wissen wir ja nun, wie wir den langjährigen Werbeslogan „Süddeutsche Zeitung – Seien Sie anspruchsvoll!“ zu deuten haben. Ein Blick aufs SZ-Konto macht die Ansprüche deutlich. Peter Handke hatte ja so recht, als er Mitte der 90er-Jahre formulierte: „SZ – Es war einmal eine Zeitung.“ Wenn Heribert Prantl der wäre als den er sich seit Jahrzehnten bis zum Erbrechen inszeniert, müsste er auf der Stelle kündigen.

Man lese im Flusser-Zitat Absatz 4!

Sie sind das Gegenteil von Revolutionären. Sie sind die „Fitmacher“ des Systems. Mehr ist zu den Dumpfbacken und/oder Agents provocateurs in Hamburg nicht zu sagen.

"Man kann auf verschiedene Weise funktionieren. Mit persönlichem Einsatz: man liebt den Apparat, als dessen Funktion man funktioniert (das ist der gute Funktionär, der Karriere macht). 

In Verzweiflung: man dreht sich innerhalb des Apparats im Kreis, bis man sich zurückzieht (das ist der Mensch der Massenkultur). 

Mit einer Methode: man funktioniert innerhalb des Apparats, auch wenn man seine Funktionen durch innere Rückkoppelung und Zusammenschaltung mit anderen Apparaten ändert (das ist der Technokrat). 

In Protesthaltung: man verabscheut den Apparat und versucht ihn zu zerstören, ein Versuch, der vom Apparat rekuperiert und in sein Funktionieren transformiert wird (das ist der Terrorist). 

Hoffnungsvoll: man versucht den Apparat langsam zu demontieren, um ihn zu durchlöchern, das heißt, man versucht die Quantität des Funktionierens zu verringern, um die »Lebensqualität« zu steigern, die automatisch zu einer neuen Funktion des Apparats wird (das sind die Umweltschützer, die Hippies usw.). 

Es gibt noch andere Weisen, wie man funktionieren kann. Aber keine entkommt der Tatsache, daß die Geste des Arbeitens jenseits der Maschine absurd geworden ist, denn die Frage der Werte hat ihren Sinn eingebüßt."

(aus Vilém Flusser: Gesten. Versuch einer Phänomenologie, Frankfurt/Main, 1994)

Wissen Sie, was ein Schettinist ist?

Ganz einfach: Ein Schettinist verkauft sich als Kapitän und versenkt anschließend das Schiff.

Der Begriff geht zurück auf Francesco Schettino, den Kapitän und Havaristen der Costa Concordia.

G20 nennt man das Jahrestreffen der weltweiten Chef-Schettinisten, deren Ehrgeiz darin liegt, das Gesamtschiff Erde zu versenken. Aus ihrer Sicht gesehen ist das durchaus eine sehr erfolgreiche und schlagkräftige Truppe.

Systemerhaltender Terror?

Angesichts von aktuellen Terroranschlägen fordern Politiker immer wieder, die Bevölkerung solle sich nicht von ihrem gewohnten, normalen Leben abhalten lassen, ansonsten nämlich hätten „die Terroristen“ „gewonnen“.

Könnte es sein, dass diese Forderung schlicht Unsinn ist?

Könnte es nicht vielmehr so sein, dass unser „normales“ Leben ohne Terror gar nicht mehr funktionieren würde? Dass nur noch die reizerzeugenden Nadelstiche des Terrors unsere Welt der erschöpften Konsumlangeweile noch notdürftig am Leben erhalten?

Könnte es sein, dass ein Ende des Terrors ein Auseinanderbrechen unseres Gesellschaftssystems bewirken würde? Vielleicht sogar ein rasches Hineingleiten in den nächsten Weltkrieg?

Könnte es sein, dass interessierte Kreise einen „systemerhaltenden Terror“ hätten erfinden müssen, wäre er nicht von selbst auf der Bildfläche erschienen?

Wurde er vielleicht sogar „erfunden“?

Im Märchen ist es der böse Drache im finsteren Wald, der in gewissen Abständen Blutopfer von der menschlichen Gemeinschaft fordert. Das schmiedet die Gemeinschaft zusammen. Schließlich jedoch findet sich ein Held und die Geschichte endet mit dem Erlegen des Drachens und der Erlösung der Gemeinschaft von der Dauerbedrohung.

Das eigentlich Interessante, nämlich was danach geschah, …

… nun, das erfahren wir vom Märchen leider nicht.

Donald Trump

ist die endgültige Bankrotterklärung der amerikanischen Politik

und zugleich die logische Konsequenz aus dem bisherigen Verlauf dieser Politik. Seine Prolo-Junk-Politik-Show und der marodierende und sich selbst und die Welt kannibalisierende kalifornisch-digitale Techno-Faschismus sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die Ex-Weltmacht hat sich unrettbar in den von ihr selbst jahrzehntelang vorangetriebenen kapitalistischen Widersprüchen verstrickt. Inzwischen weiß sie mit sich und der Welt nichts mehr anzufangen und entgleist vor den Augen der frappierten Menschheit. Dabei droht sie alles und jeden mit sich in Abgrund zu reißen. Denn wenn sie schon nicht mehr Weltführerin sein darf, will sie wenigstens einen Abgang mit Knalleffekt. Aus dem ehemals stärksten und gemeinsten Hund am Platz ist ein altersschwacher und räudiger aber gerade deshalb hochgefährlicher amoklaufender Köter geworden.

Copyright 2017 by Carlos Latuff

Karikatur von Carlos Latuff

Schluss mit Landraub, Kolonialismus und Unterdrückung!

Schluss mit der illegalen, destruktiven, unmenschlichen und terroristischen Siedlungspolitik Israels in den palästinensischen Gebieten. Wir unterstützen die mutige Arbeit von „Breaking the Silence“ und allen anderen konstruktiven und friedensfördernden Kräften.

Journalistenfrage:

„Kann die Türkei zu einem Präsidialsystem umgebaut werden und zugleich zentralstaatlich organisiert bleiben?“

Antwort Erdoğan:

„Es gibt aktuell Beispiele in der Welt und auch Beispiele in der Vergangenheit. Wenn Sie an Hitler-Deutschland denken, haben Sie eines. In anderen Staaten werden Sie ähnliche Beispiele finden.“

Diese Reaktion des Karikaturisten Carlos Latuff auf Erdoğans Antwort war am 01. 01. 2016 im "Guardian" zu sehen:

Bernd Stegemann: Das Gespenst des Populismus. Ein Essay zur politischen Dramaturgie. Berlin, 2017

"... Der tatsächliche Frontverlauf ... liegt nicht mehr zwischen der offenen Gesellschaft und ihren Feinden, sondern er verläuft zwischen der globalen Macht des Kapitals und den Menschen."
"Die Menschen wollen, dass Freiheit nicht im Widerspruch zu ihrem Leben steht, und das Kapital will schutzlose Arbeiter, deregulierte Märkte und willige Konsumenten, die sich der Dynamik der Ausbeutung unterwerfen."
"... solange die liberalen Kräfte mit dem Kapital kollaborieren, so lange führen die Angriffe des Rechtspopulismus zu der tragischen Situation unserer Zeit. ..."

Mit der „tragischen Situation“ meint der Dramaturg und Theaterwissenschaftler Stegemann jene Einbahnstraße unauflöslicher Widersprüche, die in der klassischen Tragödie unvermeidbar in die Katastrophe führen.

Wer ein solches Ende in unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit vermeiden will, ist dazu aufgerufen, sich nicht auf die Logik einer der beiden aufeinanderprallenden Parteien einzulassen, also weder auf die Sirenengesänge eines neoliberalen Universalismus, noch auf die völkischen Töne des Rechtspopulismus zu hören.

Stegemanns Essay hilft, die Mechanismen des Konfliktes zu verstehen und mögliche Ansätze für dessen Überwindung zu erkennen. Ein empfehlenswertes Buch, das genau zur rechten Zeit kommt.

Isorelevanz

„Am 9. November 1918 ruft Karl Liebknecht die freie sozialistische Republik aus“

Das Berliner Flachrelief deutet unbeabsichtigt an, wie weit sich die kommunistische Nomenklatura schon bald danach vom arbeitenden Volk entfernt haben wird. Jesus Christus dagegen scheint seinen Gefährten nicht einmal nach seinem Tod so weit entrückt zu sein. Wenn ich mir die Menge ansehe, die sich da jeweils um ihren Führer versammelt hat, weiß ich genau, mit welchen Leuten ich mein weiteres Leben lieber verbracht haben würde.

„Anstatt uns zu fragen, was wir mit den Armen machen sollen, sollten wir uns lieber fragen, was die Armen mit uns machen werden.“ (Gilbert Keith Chesterton)

WERTE.

Die WIR haben.

Denen DIE ANDEREN sich unterzuordnen haben.

Man darf diese Sätze ruhig ganz wörtlich nehmen. Es geht unverhohlen um Ansprüche auf Ressourcen. Es geht um die Beibehaltung von bestehenden oder die Restauration von früheren Verteilungsverhältnissen im Angesicht sich rasant zuspitzender globaler wirtschaftlicher und umweltpolitischer Widersprüche. „America first“ ist hier nur als ein Slogan unter vielen zu verstehen.

Die sogenannten WERTE sind zu einem der zentralen Schlagworte in der ideologischen Auseinandersetzung geworden, die sich derzeit weltweit und lagerübergreifend mit rasanter Geschwindigkeit verschärft. Höchste Zeit also, sich mit diesem Begriff einmal gründlich zu befassen. Dies hat Daniel Hornuff mit seinem Beitrag „Der Mythos von der kulturellen Identität“ getan, der am 5. Februar 2017 in der Reihe „Essay und Diskurs“ im Deutschlandfunk erstveröffentlicht wurde. Der hervorragende Essay kann dort nachgelesen und für etwa ein halbes Jahr auch nachgehört werden. Ein paar Zitate daraus:

"Linke wie Rechte, Progressive wie Konservative, Pragmatisten wie Idealisten appellieren immerzu und allenthalben an die gemeinsamen Werte unserer Kultur. Doch liegt genau darin das Problem: Wie der Philosoph Andreas Urs Sommer gezeigt hat, gibt es Werte überhaupt nicht - jedenfalls nicht in einem allgemeingültigen und allseits verbindlichen Sinne.
Werte sind gerade keine essentiellen Eigenschaften von Menschen, Gemeinschaften, politischen Systemen oder kulturellen Ordnungen. Werte sind nie universell. Wären sie es, könnten Werte kein Gegenstand von Auseinandersetzungen sein. Aber genau das sind sie: Bestandteil von Kommunikation, von Streit, von Zweifeln. Werte sind eine Frage der Perspektive und damit relative Größen."

Hornuffs kluger Umgang mit dem emotional massiv aufgeladenen Thema hilft dabei, Ängste aus dem kollektiven Raum herauszuholen und sie dem Individuum zu einer bewussten, selbstverantwortlichen Behandlung vorzulegen:

"Es geht schlicht darum, die Schmach der eigenen Relativität zu akzeptieren. Individualpsychologisch betrachtet ist eine solche Leistung gar nicht hoch genug einzustufen: Wie viele Menschen kennen Sie, die tatsächlich in der Lage sind, andere Wertauslegungen vollumfänglich anzuerkennen? Die weder gekränkt noch aggressiv, weder abwehrend noch flüchtend, weder pampig noch überheblich reagieren, wenn ihnen andere Wertvorstellungen präsentiert werden?"

Nur wer sich der Begrenztheit und Relativität seiner Anschauungen bewusst wird, ist in der Lage, Mitläufertum zu vermeiden und eigene Entscheidungen zu treffen. Hornuff verweist in diesem Zusammenhang auch auf die Wichtigkeit einer inneren Balance:

"Es ist ein ebenso alter wie hartnäckiger Irrtum zu meinen, Glaube und Vernunft schlössen einander aus. Das Gegenteil ist der Fall: Nur, wer an etwas glaubt, vermag der Vernunft einen Sinn zu verleihen. Glaube und Vernunft bedingen einander, allein schon aus Gründen ihrer Einhegung. Die absolute Vernunft führt ebenso in die Katastrophe wie der ausschließliche Glaube im Terror endet."

Das erinnert an Marcus Steinwegs Feststellung, dass überhaupt nur denken kann, „… wer sich die Dummheit verwehrt, zu glauben, er glaube nicht(s).“

Daniel Hornuff, geboren 1981, ist Vertretungsprofessor für Kunstwissenschaft an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

In einem Interview auf „The Real News Network“ entwickelt der US-amerikanische Wirtschaftsexperte Michael Hudson eine Prognose für die kommende Politik Donald Trumps. Den gesamten englischen Text des Interviews finden Sie in diesem Beitrag in Michael Hudsons Blog.

Als Einstieg zwei Zitate aus dem Text in einer Schnellübersetzung (Mängel bitte ich zu verzeihen):

Michael Hudson zum Thema "Trumps Infrastruktur":

"Ich denke, Herr Trump möchte die US-Wirtschaft in die Art von Immobilien-Entwicklung verwandeln, die ihn selbst in New York so reich gemacht hat. Das wird seine Entwicklerkollegen reich machen und es wird die Banken reich machen, die diese Infrastrukturen finanzieren, aber das Volk wird dafür mit viel höheren Transport- und Beförderungskosten bezahlen müssen, mit viel höheren Kosten für die gesamte Infrastruktur, die er vorschlägt. ... Sie könnten Trumps Plan also "öffentliche Förderung für die Schaffung von Privatprofit" nennen. Es sieht tatsächlich so aus, dass dies unterm Strich sein Plan ist."
Michael Hudson zum Thema "Trump, Russland und China":

"Nun, darüber gab es ja einen Richtungsstreit in der Administration zwischen Kissinger und Brzezinski. Beide sagten "Wir müssen teilen und herrschen. Wenn ein anderes Land versucht, seinen eigenen Weg zu gehen und von Amerika unabhängig zu werden, müssen wir es zerschlagen. Wir müssen Russland brechen und China brechen."

Die Frage ist, was die Neokonservativen zuerst angehen. Kissinger sagt, dass auf lange Sicht China der entscheidendere Feind ist, weil es findiger und gewichtiger ist. Also sollte man nett zu Russland sein und Präsident Putin erzählen: "Guck mal, wenn du auf unserer Seite bist, geben wir dir die Ukraine und ziehen die NATO zurück, aber du solltest dich wieder nach Europa orientieren und dich von China fernhalten."

Der Pole Brzezinski hasst Russland und möchte lieber mit China gehen. Also sagt er: "Nein, nein. Wir müssen weiter Russland bekämpfen und die Hillary-Unterstützer bei der CIA und der NSA unterstützen."

Es sieht so aus, als würde Trump der Seite Kissingers folgen, die versucht, Eurasien durch die Unterstützung Russlands zu spalten. Ich glaube nicht, dass ihm das gelingen wird, weil Putin ja sagen kann: "Schaut mal, Amerika hat seine Politik so oft gewechselt, dass wir uns auf euch nicht verlassen können. Obama und Kerry haben alles gebrochen, was sie mit uns vereinbart hatten. Die Clintons haben dasselbe getan. Wir können Amerika einfach nicht mehr vertrauen. Ihr habt uns gezwungen, uns auf China und Iran zu verlassen." Und natürlich unterstützt China den Iran ebenfalls, wegen seiner Investitionen in das dortige Öl. 

Ich schätze also, der Trump-Administration wird es nicht gelingen, Eurasien auseinanderzudividieren, die Schanghai-Gruppe aufzubrechen. Und angesichts dessen wird Trump dann vielleicht ärgerlich werden und in Richtung des konfrontativeren Hillary-Stils zurückkehren, was sehr gefährlich werden könnte."

ANMERKUNG:
Unter diesen Webadressen finden Sie gute, vielseitige, wallstreet- und regierungsunabhängige Informationen aus den USA:
The Intercept
The Real News Network
truthdig
Michael Hudsons Blog


(c) Cartoon: Carlos Latuff

Die Antrittsrede des Präsidenten Trump war eine trübe, triste und trotzige Ankündigung, dass die untergehende Weltmacht USA unter seiner Leitung den Planeten lieber gänzlich ruinieren und mit in den Abgrund reißen wird als Einsicht in die Notwendigkeit kreativer internationaler Zusammenarbeit und intelligenter Innovation zu zeigen.

Trumps künftige „America First“-Politik wird versuchen, die fortgesetzte und gesteigerte Ausplünderung und Zerstörung der Welt als „Notwehr“, als unverzichtbares Mittel zur Selbsterhaltung der USA zu rechtfertigen.

Wir hörten am 20. Januar 2017 aus Washington die mutmachensollende Ansprache eines nachgerückten, minderbegabten aber umso skrupelloseren Bandenführers an die eigene Gang. Und wir hörten eine Mahnung an die konkurrierenden Clans, sich ab sofort sehr warm anzuziehen und den USA unter ihrem Führer Trump nur nicht in die Quere zu kommen.

Die Rede zeigte deutlich: Trump ist GENAU DER US-Präsident, den diese Welt angesichts ihrer bedrohlichen und komplexen Probleme ÜBERHAUPT NICHT braucht.

Aber gerade deshalb mag es unterm Strich sogar besser sein, dass er gewonnen hat, denn unter Frau Clintons Ägide wäre ein ganz ähnlicher politischer Kurs wohl nicht annähernd so deutlich aufgefallen, wie bei dem Trump-Elefanten im Porzellanladen. Slavoj Žižek hatte bereits vor der Wahl genau in diese Richtung argumentiert.

Trump eignet sich für die vernünftigen, widerständigen, weltbewahrenden Kräfte in der Tat wohl wesentlich besser als Ziel-, Motivations- und Angriffsobjekt und wird die Aktivierung, Ausrichtung und Einigung dieser Kräfte wahrscheinlich begünstigen.

So gesehen wäre Trump tatsächlich DER RICHTIGE FALSCHE.

In einer lesenswerten Analyse in der NZZ vom 3. Februar 2017 präzisiert Slavoj Žižek seine Einschätzung, warum die Präsidentschaft Trumps neben allen Gefahren auch tatsächlich Chancen für die Entwicklung einer linken Alternative bieten könnte.

… ein Streichholz geht an!

Mit seinem Artikel „Vom Proletariat zum Pöbel: Das neue reaktionäre Subjekt“ bringt Micha Brumlik Licht in die politische Gegenwartslage der westlichen (Nach-)Industriegesellschaften. Erschienen ist der Text in der Ausgabe 1/2017 der „Blätter für deutsche und internationale Politik“.

Wer den Brexit, den Aufstieg Marine Le Pens, den Sieg Donald Trumps, das neonationale Gewaber in weiten Teilen Europas und alle weiteren Anzeichen des neurechten Aufbruchs verstehen will, kommt an dieser Zusammenfassung wichtiger Stationen aus der Geschichte der Linken nicht vorbei.

Ich habe lange nichts so Erhellendes über die Hintergründe der derzeitigen politischen Entwicklungen gelesen und kann nur wärmstens empfehlen: Lesen, lesen, lesen! Und weitergeben! Dies ist eine wichtige Grundlage für alle Menschen guten Willens, um erste Skizzen eines sinnvollen politischen Weiterwegs diskutieren zu können.

„ES GIBT KEIN RECHTES DENKEN

Jeder, der denkt, ist links, was nicht heißt, dass jeder, der sich als links versteht, denkt. Es gibt kein rechtes Denken, insofern wir Denken nennen, was sich – statt sich in Figuren des Vergangenen einzumauern – auf eine namenlose Zukunft zubewegt. Rechts ist, wer sich in die Konstruktion einer Vergangenheit verrennt, deren Funktion sich in der Suggestion ihrer Notwendigkeit und Stabilität erschöpft. Rechts ist, wer glaubt, es gäbe so etwas wie Notwendigkeit und Stabilität. Linkssein bedeutet, mit diesem Glauben aufzuhören. Links ist, wer nicht mehr glauben kann noch will, ohne zu vergessen, dass der Ausstieg aus dem Glauben sich innerhalb einer gewissen Gläubigkeit (eines, wie Wittgenstein gezeigt hat, irreduziblen Vertrauens) vollzieht. Links ist, wer sich die Dummheit verwehrt, zu glauben, er glaube nicht(s).“

Das obige Zitat stammt aus der bemerkenswerten Aphorismensammlung "Inkonsistenzen" von Marcus Steinweg, die 2015 als Band 68 der Reihe "Fröhliche Wissenschaft" bei Matthes & Seitz in Berlin erschienen ist.

Heinz von Foerster, wie ist das Weltall entstanden?

„Es gibt deswegen so viele Hypothesen, weil die Frage nicht beantwortbar ist. So kommt es nur darauf an, wie interessant ist die Geschichte, die der erfindet, wie das Weltall entstanden ist.“

Wieviel Zweifel darf oder sollte man haben? Dieser herrliche Interview-Ausschnitt mit dem 90jährigen Heinz von Foerster wird all jenen ganz besonders gefallen, die sich schon einmal mit Ludwig Wittgensteins nachgelassenem und unvollendet gebliebenen Werk „Über Gewissheit“ befasst haben.

Der Soziologe Hartmut Rosa (*1965) lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In diesem etwa 45minütigen Vortrag aus dem Jahr 2013 liefert er einen Überblick über den Zustand des kapitalistischen Wirtschaftens in der Gegenwart und dessen systemimmanent wohl kaum mehr lösbare Probleme. Eine gut verständliche Tour d’Horizon mit diversen „Aha!-Momenten“ und daher eine ausgezeichnete Grundlage für die Diskussion über künftige Alternativen.

Begleittext der MDR-Mediathek (in der der Vortrag inzwischen leider nicht mehr abrufbar ist):

"Ein Vortrag von Prof. Dr. Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, gehalten am 22. Juni 2013 im Rahmen der Konferenz "Das System des Kapitalismus - Grundlagen, Dynamik und Kritik" im Deutschen Hygienemuseum Dresden.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs galt der Kapitalismus als Sieger im Kampf der Systeme. Unter dem Eindruck der Finanz- und Schuldenkrise liegt allerdings die Frage nahe, ob er sich durch den steten Zwang zu Wachstum und Beschleunigung nicht selbst zerstört.

Die Ursachen dieser Systemkrise werden unter anderen von Jenaer Soziologen erforscht. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Hartmut Rosa, der mit seinem 2005 erschienenen Buch "Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne" bekannt wurde.

Seine Kapitalismuskritik hat der Jenaer Soziologe unterdessen in vielen Vorträgen dargelegt, unter anderem in einer Rede mit dem Titel "Hat sich der der Kapitalismus totgesiegt? Die Begleitschäden des Erfolgs", den er am 22. Juni 2013 im Rahmen der Konferenz "Das System Kapitalismus. Grundlagen, Dynamik und Kritik" im Deutschen Hygienemuseum Dresden gehalten hat.

Zwei Aspekte seines Vortrags sind besonders bemerkenswert: Die Probleme des Kapitalismus sind zum einen hausgemacht und zum anderen ansteckend, denn sie greifen längst nicht mehr nur die Wirtschaft, sondern auch die menschliche Psyche an. Hören sie Prof. Dr. Hartmut Rosa bei MDR FIGARO mit seinen Überlegungen."

"Realität ist ein Konsistenzversprechen, das gebrochen wird. Realität ist das, was so lange funktioniert, solange wir nicht denken."

"Aufklärung heißt, dass man begreift, dass man am Ende irgendwo anders landet als wo man hin wollte."

"Sich in der Orientierungslosigkeit zu orientieren, heißt so präzise wie möglich kopflos zu sein."

Zitate aus dem Vortrag „Kein Stern, kein Orient. Was heißt, sich in der Orientierungslosigkeit orientieren?“ von Marcus Steinweg, gehalten am 10. Mai. 2013 in Wien.

Wieder einmal hat mich der Deutschlandfunk auf die Spur eines interessanten, klugen und sympathischen Menschen gebracht. Der Philosoph und Künstler Marcus Steinweg (*1971 in Koblenz) legt besonderen Wert darauf, die Welt der akademischen Antiphilosophie hinter sich zu lassen und sich auf das Risiko eigenen Denkens einzulassen. „Wer den Beckenrand nicht loslässt, wird das Schwimmen niemals lernen“ lautet einer seiner Grundsätze. Will sagen: So lange du es dir in der sogenannten Realität einrichtest, kannst du echtes Philosophieren vergessen.

Steinwegs Vorträge sind in der Regel nicht vorbereitet, entstehen frei im Augenblick des Vortrags. Man könnte das philosophischen Freejazz nennen, vorgetragen von einem Mann, der durchaus weiß, was er da sagt und tut. Weswegen das Freie in seinem Vortrag niemals beliebig ist, zumeist aber höchst erfrischend!

Siehe auch:
"Der sich in den Rausch redet - Der Philosoph Marcus Steinweg" von Philipp Rhensius in der taz

Dieser etwa 20minütige Vortrag von Oskar Negt (*1934) fand im Rahmen der 20. Karlsruher Gespräche am 20. Februar 2016 in der IHK Karlsruhe statt. Der große alte Mann der deutschen Sozialphilosophie schlägt einen Bogen von den Anfängen eines gesamteuropäischen Rechts im Gefolge des Dreißigjährigen Krieges (Westfälischer Frieden) über die Ausbildung des Sozialstaats im Gefolge des Zweiten Weltkriegs als Voraussetzung für die Entwicklung der Demokratie bis hin zu der zwiespältigen und gefährlichen Situation, vor der Europa im Augenblick steht.

Einige Zitate aus dem Vortrag:

"Es ist betrüblich, dass Untersuchungen zeigen, dass die Portugiesen um etwa 1300 intensivere Kontakte mit den Esten hatten - durch die Hanse - als heute."

"Wer heute den Sozialstaat plündert, wird Morgen und Übermorgen umso mehr Mittel bereitstellen müssen für den Sicherheitsstaat."

"Würde ist zu einem konstitutiven Bestandteil von Demokratie geworden. Das Fatalste für die europäischen Länder wäre, wenn sie ihre eigenen, historisch bitter errungenen Prinzipien verletzen würden."

"Das war einer der großen Impulse des Christentums, dass es die alles durchdringende Kälte gefühlt hat und versucht hat, sie zu verändern. Aber dieser Versuch - und ich glaube, das muss gesagt sein - ist vergeblich geblieben, weil er nicht an die gesellschaftliche Ordnung rührte, welche die Kälte produziert und reproduziert." (Theodor W. Adorno)

Is God Dead?

Dieser etwa 37minütige Vortrag Slavoj Žižeks vor der AAR (American Academy of Religion) zeigt auf, dass „atheistisches Christentum“ eine denkbare, hochpolitische und sehr fortschrittliche Alternative zum traditionellen Glauben sein könnte.

Den zugehörigen Text auf der YouTube-Seite habe ich (sehr frei) ins Deutsche übersetzt, um einen schnell lesbaren vorbereitenden Einstieg in Žižeks Rede zur Verfügung zu stellen:

Die "Gott-ist-tot-Theologie" ist in erster Linie eine in den 1960ern entstandene christlich theologische Bewegung, die Gottes Existenz als beendet betrachtet, meist durch den Akt der Kreuzigung Christi. Sie kann sich aber auch auf eine Theologie beziehen, die traditionelle Theismen ablehnt, vor allem unter dem Einfluss des wachsenden Säkularismus im Westen. Die "Gott-ist-tot-Bewegung" wird manchmal auch als "Theothanatologie" bezeichnet, abgeleitet vom griechischen "theos" (Gott) and "thanatos" (Tod).

Gabriel Vahanian, Paul van Buren und William Hamilton (wichtige Vertreter dieser Bewegung) räumen ein, dass das Konzept der Transzendenz im modernen Denken jede Bedeutung verloren hat. Den Normen des modernen Denkens nach ist Gott tot. Als Antwort auf diesen Zusammenbruch der Transzendenz fordert Vahanian eine radikale postchristliche Alternative zum traditionellen Theismus. Van Buren und Hamilton bieten den Nichtgläubigen Jesus als das Ideal eines Menschen an, der aus der Liebe heraus handelt.

In welcher Weise Gott nun genau als "tot" bezeichnet werden soll, ist unter den "Gott-ist-tot"-Theologen höchst umstritten. In der extremsten Form wird Gott als buchstäblich tot bezeichnet, oftmals leibhaftig durch das Kreuz oder im Moment der Schöpfung umgekommen. Thomas J.J. Altizer ist der entschiedenste Vertreter dieser Sichtweise. Abgemilderte Formen erklären den Tod Gottes metaphorisch oder als Bestätigung einer Existenz Gottes außerhalb oder jenseits des Seins.

Am Schluss eine Bitte: Gebt Žižek eine Chance!
Der Anfang dieses Vortrags ist für fast alle (Noch-)Nicht-Žižekianer eine Zumutung. Sie könnten dadurch leicht den Eindruck bekommen: „Hier werden wir wohl gar nichts verstehen.“ Geduld! Lasst ein paar Minuten und ein langes Zitat verstreichen, ohne sofort verstehen zu wollen! Es klärt sich im Lauf des Vortrags Vieles auf. Gebt Žižek zehn Minuten, okay? Oder sagen wir: eine Viertelstunde.

Ulrike Guérot über die Idee einer europäischen Republik

Knapp 30minütiges Interview mit der brillianten Politikwissenschaftlerin und „Europa-Utopistin“ Ulrike Guérot über die Idee einer Europäischen Republik, die an die Stelle der inzwischen sichtbar scheiternden EU treten könnte.

Grundidee: Die Republik Europa würde auf etwa fünfzig oder sechzig ähnlich großen historisch gewachsenen Regionen aufbauen und damit die schwer vorbelasteten und unterschiedlich gewichtigen Nationalstaaten hinter sich lassen. Die europäische Republik würde das organisatorische Dach für die Regionen bieten, welche in Anwendung des Subsidiaritätsprinzips in der Lage wären, weitgehend eigenständig über ihre Angelegenheiten und ihre Entwicklung zu entscheiden. Die Bürger Europas würden einen europäischen Präsidenten und ein europäisches Repräsentantenhaus wählen. Eine weitere Kammer wäre der europäische Senat, in den die Bürger der Regionen je zwei Senatoren wählen würden.

Die von Ulrike Guérot und Robert Menasse gemeinsam entwickelten Ideen bieten eine äußerst attraktive und sinnvolle Diskussionsgrundlage für eine – immer dringlicher werdende – Alternative zur Europäischen Union.

„Yeter“ ist das türkische Wort für „genug“ oder „hör auf“

„Yeter“ war einer der Slogans der türkischen Demokratiebewegung rund um den Taksim-Platz und den Gezi-Park im Istanbuler Stadtteil Beyoğlu.

„Graffiti und Tränengas – Protestkultur im Gezi-Park“, so heißt die deutschsprachige Dokumentation von Sabine Küper-Büsch und Thomas Büsch. In knapp dreißig Minuten bekommt man einen guten Einblick in die Art und den Verlauf der Proteste vom Mai 2013 und in deren Hintergründe. Man lernt einige an den Aktionen beteiligte Künstler, Fotografen, Musiker und Tänzer kennen und kann sich ein Bild vom Demokratieverständnis der Regierung unter Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan machen. Aus heutiger Sicht muss man ernüchtert feststellen: Vom damaligen Optimismus der Beteiligten und von der demokratischen Aufbruchsstimmung in der Türkei ist nicht mehr viel übrig. Legt die Situation nach dem „Putschversuch“ vom 22. Juli 2016 auf längere Sicht den Grundstein für einen neuen demokratischen Aufbruch? Man kann es nur hoffen – für die Türkei und für Europa.

Komposition von Fazıl Say über die Ereignisse im Gezi-Park. „Insan“ ist das türkische Wort für: „Erdenbürger“, „Mensch“, „Individuum“.

Anlass für diesen Journaleintrag ist die für heute geplante Großdemonstration der Erdoğan-Anhänger in Köln. Sie nennen sich selbst „Demokratieunterstützer“. Ihr Idol Recep Tayyip Erdoğan hätte vom 27. bis 31. Mai 2013 Gelegenheit gehabt, die Welt von seiner demokratischen Gesinnung zu überzeugen. Heute wissen wir, wer der çapulcu vom Bosporus ist.

Die Gasmaske wirkt rötlich, das Pfefferspray ist süß wie Honig. Der Panzerwagen wirft das Wasser auf mich, aber vielleicht findet sich eine Lösung. Das Volk hat sich erhoben und die Straßen zum Taksim sind verbarrikadiert. Bist du ein Plünderer(1) oder ein Demonstrant? Die Gasmasken haben verschiedene Formen, ich demonstriere für den Taksim. Bleib nicht untätig, es sind deine Rechte, man wird eine Lösung finden. Das Volk hat sich erhoben und die Straßen zum Taksim sind verbarrikadiert. Die Gasmasken haben verschiedene Formen, der Gezi Park ist so alt wie du, wie dieser Topf, dieser Löffel, diese Gabel ... Eine Lösung wird sich finden, das Volk hat sich erhoben, die Straßen zum Taksim sind verbarrikadiert. Bist du ein Plünderer oder ein Demonstrant?

(1) als "çapulcu" (Plünderer, Marodeur, Räuber) hatte der damalige Ministerpräsident Erdoğan die Gezi-Park-Demonstranten bezeichnet.

„Der größte Schmutzfink, der in Berlin rumläuft“
Näheres zum Anlass für diesen Journaleintrag.

„Unsere Politiker“, sagen wir, „sind schlecht, weil sie nur reden und nichts tun“. Wenn das stimmt, sind wir selbst schlecht, denn es sind unsere Politiker. Wir haben sie derart verlottern lassen.

Sie sind geworden wie wir, sie gehören zu uns, sie passen zu uns. Sie sind die Politiker, die wir insgeheim wollen. Wir wollen Politiker, die nichts ändern. Wir ahnen zwar, dass eine Änderung nötig wäre, um unsere Probleme zu lösen. Wir wollen aber keine Änderung. Uns ist die trügerische Stabilität des Stillstands lieber als jede noch so kleine Bewegung. Deshalb wollen wir nicht, dass unsere Politiker an einen Wandel auch nur denken.
Wir wollen Politiker, die so tun, als würden sie Probleme anpacken, während sie in Wirklichkeit nichts tun. Wir wollen unseren Politikern jederzeit sagen können: „Ihr tut nichts, um unsere Probleme anzupacken“, damit wir nicht zugeben müssen, dass wir selbst aus Gewinnsucht, Feigheit und Bequemlichkeit keines unserer Probleme angepackt wissen wollen.
Wenn Räuber kommen, Teile unseres Lebens stehlen und dabei sagen: „Seid bloß froh, dass wir nicht noch mehr nehmen!“, dann wollen wir, dass unsere Politiker die Drohung dieser Ganoven aufgreifen und bestätigen. Dann müssen wir uns nicht mehr mit der Demütigung durch die Verbrecher befassen, sondern können stattdessen Politiker beschimpfen, weil die Lage so beschissen ist, und sie auch keine passende Lösung wissen.
Würden wir wollen, dass unsere Politiker etwas tun, hätten wir andere Politiker. Wir wollen aber exakt jene, die wir haben, denn:

Wir sind wie sie.
Sie sind wie wir.
Wir sind Pofalla.

Hier rumzuhängen und mit Hass im Hirn
hinauszuglotzen, macht dich ganz kaputt.
Am liebsten hättst du eine Abrissbirn
und bombtest diese Welt in Klump und Schutt.

Du holtest dir dann ein paar Feuerwaff
und ballertest die Magazine leer.
Der Boden wäre übersät mit Aff
und blutgetränkt. Es lebte keiner mehr.

Zum Schluss ergriffst du einen Riesenmix,
püriertest alles rasch zu feinstem Mus
und schriebst hinein: „Hallo, ihr dummen Wichs!
Von Euerm Heiland einen schönen Gruß!“

In der "tz" (Sie wissen schon: eines dieser Turbo-Beschleuniger-Blättchen, die alles tun, um Amokläufern eine nette Auftrittsbühne mit entsprechendem Widerhall zu bieten) finden Sie den Beitrag "So erkennt man gefährdete Personen" von einer "Amok-Forscherin". Die im obigen Gedicht beschriebene Person passt übrigens ziemlich gut ins Amok-Raster.

Aus dem Tod erwachend
Verlasse ich den Tod
Ziehe mir einen Tod über
Mache mir einen Tod
Trinke den Tod
In hastigen Schlucken
Steige in meinen Tod
Fahre in meinen Tod
Erledige meinen Tod
Fahre zurück in den Tod
Mache mir einen Tod
Esse den Tod
Mit hastigen Bissen
Sehe in den Tod
Schlüpfe in den Tod
Gleite in den Tod

Ein Nachbar sprach mich gestern im Supermarkt an und erzählte mir, wie sehr ihn der Amoklauf vom vergangenen Freitag belaste, wie schwer er persönlich davon betroffen sei. Schließlich habe er mit seiner Familie vor Jahren auch mal in diesem Stadtteil gelebt. Außerdem habe er just am Freitagabend kurz vor dem Gemetzel beschlossen, am nächsten Morgen im Olympia-Einkaufszentrum shoppen zu gehen. Man stelle sich vor, der Amokläufer hätte sich plötzlich entschieden, vor der Tat noch mal richtig auszuschlafen!

Hatte er aber nicht. Noch während seiner abendlichen Gewaltorgie waren in den „sozialen“ Medien und in der Live-Stream-Presse Gerüchte hochgekocht, wo in München gerade weitere Massaker durch andere Attentäter verübt würden. Blitzschnell war es in diesen Stadtteilen zu panikartigen Massenreaktionen mit kreischenden, weinenden, kopflos durch die Gegend rennenden Menschen gekommen.

Das Boulevardblatt „tz“ hatte am Tag darauf mit „Angriff auf München!“ aufgemacht. Das war unabsichtlich korrekt. Unabsichtlich, weil sich die Schlagzeile auf drei mit „Langwaffen“ ausgestattene Täter bezog, die es gar nicht gab. Aber dennoch korrekt, weil eine Unmenge anderer „Täter“ gruselig scharfe Fantasiemunition aus den Tiefen ihrer Seelen holten, in ihre Handys luden und sofort in alle Richtungen verballerten. Man konnte sich des Eindrucks kaum erwehren, dass diese Bedrohungslyriker eine hysterische Freude daran hatten, temporär in einer „Todesgefahr light“ zu schweben.

In ihrem Kommentar zu den aktuellen Gewalttaten machte die tschechische Zeitung „Hospodarske Noviny“ folgenden Erklärungsversuch: „Sie sind Zeichen einer sozialen Pathologie, die von der modernen Gesellschaft hervorgebracht wird – und nicht immer und zuallererst durch äußere Feinde. Die Details sind jedes Mal anders, aber grundsätzlich scheint es sich um eine Krankheit der Gesellschaft zu handeln, die sich selbst hartnäckig als gesund ansieht.“

Solange man ihm sicher entkommt, ist die Begegnung mit dem Tod ein Vergnügen. So ein morbides Stelldichein erzeugt eine Mischung aus Angst, Lust und Schadenfreude. Der dreifache Gewinn des Überlebenden besteht darin, dass es erstens ihn hätte treffen können, dass er zweitens verschont geblieben ist und dass er dadurch drittens in die Lage versetzt wurde, das Ausmaß der Katastrophe aus einem postkatastrophalen Blickwinkel heraus zu betrachten. So ähnlich wie in Douglas Adams‘ „Restaurant am Ende des Universums“, von dem aus man sogar die ultimative Katastrophe, den Weltuntergang in völliger Sicherheit miterleben kann. Ein anderes, weniger fiktives Beispiel wäre die televisionäre Beobachtung sinkender Flüchtlingsschaluppen und in den Wellen treibender schwarzer Wasserleichen im Mittelmeer. Aber lassen wir das, es könnte uns den Spaß verderben.

In einer der Montalbano-Kurzgeschichten von Andrea Camilleri begeht ein Todkranker einen Mord, weil er es nicht aushält, dass der verhasste Nachbar ihn überleben und dann auf seiner Beerdigung mitmarschieren könnte. „Du gehst mir nicht nach!“ schreit er während seiner Wahnsinnstat. Wo der Tod früher als großer Gleichmacher gesehen wurde, als Beender der Eitelkeit und Hersteller finaler Gerechtigkeit, sehen wir heute die größte Ungerechtigkeit. Warum dürfen die weiterleben und ich nicht?

Der Gedanke an die Unvermeidbarkeit unseres eigenen Ablebens ist unerträglich geworden. Er wird ins tiefste und dunkelste Verließ unserer Seele verdrängt, von wo aus er dann seine unheilvollste, weil rational nicht mehr beeinflussbare Wirkung entfalten kann. Wo es für unsere Vorfahren ein tägliches „Memento mori“ gab, wollen wir nur noch „Rundumsorglos-Pakete“ akzeptieren. Wo man sich einst den Weg in die postmortale Dunkelheit mit gleißenden Jenseitshoffnungen zu erhellen suchte, bauen wir auf rasche Erfolge von Wissenschaft und Technologie im Kampf gegen den Tod, den wir nicht mehr als Teil des Lebens betrachten, sondern nur noch als einen – hoffentlich bald schon vermeidbaren – Unfall.

„Und Hiob starb alt und lebenssatt“ lesen wir im Alten Testament. Ein wichtiger Hinweis! Zufrieden sterben können, das setzt offenbar ein vollwertiges Gelebt- und Gekämpfthaben voraus. Und Hiob hat – weiß Gott! – gekämpft und gelebt. Was ist mit uns? Ist unser panisches Verdrängen des Todes nicht vielleicht ein Hinweis darauf, dass mit unserer Art zu leben etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist? Dass unser Leben und Kämpfen mehr und mehr zu einem Lebens- und Kampfsurrogat geworden sind, von dem wir nicht richtig lebenssatt und lebensmüde werden können? Nicht satt und müde genug, dass uns der Tod am Ende zum willkommenen Schlaf werden könnte?

Erregt uns ein Beinahe-Tod, dem wir glücklich entgangen sind, deshalb so sehr, weil wir in ihm für einen kurzen Moment die unglaubliche Schönheit, Kraft und Kostbarkeit unserer einzigen kurzen Daseinschance erfühlen? Verlangt unser tiefstes Unbewusstes inzwischen gar nach der Symbolkraft solcher Angriffe und Schocks, um einen kurzen, hypehaften „Memento mori“-Effekt zu erzielen? In einem Leben, das immer mehr den Charakter eines Untotseins annimmt?

Das wäre gut und schlimm zugleich. Gut, weil es bewiese, dass wir noch nicht so vollständig sediert sind, wie das totalitäre Regime des verselbstständigten technokratischen Weltapparats es gerne hätte. Schlimm, weil die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass wir den stimulierenden Umgang mit dem Tod nur als Droge verwenden, die uns angenehme Träume macht und von der immer größere Dosen benötigt werden, um die Wirkung zu erhalten. Waren die beiden Weltkriege des zwanzigsten Jahrhunderts vielleicht Ergebnisse solcher exponentiellen Suchtverläufe?

Kurzeinschätzung von Michel Houellebecqs Roman „Soumission“

„Im Grunde … ist mein Herz durch das lockere Leben verhärtet und vertrocknet, ich bin zu nichts nutze.“ So endet das lange Zitat aus „En route“ von Joris-Karl Huysmans, das Michel Houellebecq seinem Roman voranstellt. Und mit diesem Satz ist der Inhalt des Buches schon zusammengefasst. „Soumission“ ist ein Text über den Zerfall Europas. Über das Schwinden und Verschwinden eines tieferen politischen Sinns, der die Existenz eines hochkomplexen Apparats wie der Europäischen Union auf Dauer rechtfertigen würde.

Mit dem Islam hat der Roman trotz des provozierenden Titels recht wenig zu tun. Die fiktive Machtübernahme einer Partei der Muslimbrüder in Frankreich bildet nur die Folie, vor der sich das eigentliche Drama abspielt. Verkaufsstrategisch ist das geschickt gewählt, aber statt des Muslimführers Mohammed Ben Abbes hätte Houellebecq auch mit einer Zeitmaschine einen Inka-Herrscher mit einem unbegrenzten Goldschatz aus der historischen Versenkung auftauchen lassen können. Das Uhrwerk seiner Geschichte wäre ähnlich abgelaufen, und hätte dasselbe offenbart: dieses Europa, das seinen ebenso verzweifelten wie verlogenen Humanismus („ … allein das Wort ‚Humanismus‘ verursachte bei mir ein leichtes Gefühl von Übelkeit, …“) wie eine längst entweihte Monstranz vor sich her trägt, scheint in das Stadium seiner Auflösung einzutreten.

Einen entsprechenden Grad von Selbstzerlegung zeigt auch François, seines Zeichens Sorbonne-Professor, Huysmans-Spezialist und ein durch und durch ängstlicher, jämmerlicher und deprimierender Protagonist. Ein Wesen ohne inneren Halt, ohne Berufung, ohne Idee, ohne Vision. Ein reiner Opportunist. Die Charakterlosigkeit in Person. Der westlich-hedonistische Konsumist der Gegenwart.

François ist immerhin ehrlich genug, sich all dies selbst einzugestehen. Zum Beispiel, wenn er über die Frauen im neuen, patriarchalisch geprägten islamischen Frankreich und auch über sich selbst sagt: „Natürlich verloren sie ihre Autonomie, aber fuck autonomy, ich kam nicht umhin, mir einzugestehen, dass ich ohne Probleme und sogar mit großer Erleichterung auf jede Art von beruflicher oder geistiger Verantwortung verzichtet hatte …“. Und ein paar Seiten weiter dann die schallendste aller Ohrfeigen: „ … der Intellektuelle in Frankreich musste nicht verantwortlich sein, das lag nicht in seinem Wesen.“

270 Seiten lang geht es ums Fressen, ums Kopulieren und um die Angst vor Impotenz, Krankheit und Tod. Von „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ ist nicht mal im weitesten Sinn noch die Rede. Völlig zu recht übrigens, denn das war ja schon 1789 eine höchst verlogene Parole des Bürgertums gewesen, um endlich selbst an die Futtertröge zu kommen. Ja, wenn man Zugang zu genügend Geld, zu gutem Essen und zu attraktiven, devoten Frauen bekommen kann, dann greift man zu. Und dabei ist es letztlich egal, wer einem dieses herrlich bequeme Drohnendasein spendiert. Zufälligerweise ist es hier das Geld der Saudis, das für die Konvertiten unter den Sorbonne-Professoren nur so sprudelt und ihnen ein Leben mit bis zu vier Ehefrauen ermöglicht.

Am Ende bekommen wir noch angekündigt, dass der „Held“ in der Pariser Großen Moschee feierlich zum Islam konvertieren wird. Aber wir ahnen schon: er wird auch dort keine gute Figur machen. Wer sich unterwerfen möchte, sollte doch wenigstens einen Rest vorhandener Fallhöhe aufweisen können. Bei François kann davon keine Rede sein.

Das Fazit des Romans ist so banal wie real: Leben ohne Sinngebung ist nur eins: erbärmlich. Oder wie Houellebecq es in einem Interview formulierte: „Das Leben ist ohne Religion über alle Maßen traurig.“ Ja, traurig.

Vom Webstuhl der Geschichte

Dreams and nightmares revisited in just 54 minutes

Der knapp einstündige Dokumentar(?)film „It Felt Like a Kiss“ wird Ihr Bewusstsein verändern. Ganz besonders, wenn Sie die Fünfzig erreicht oder überschritten haben. Denn in diesem Fall haben Sie einen nennenswerten Teil jener Zeit persönlich miterlebt, die sich in diesem Werk von Adam Curtis wie in einem Kaleidoskop aus unzähligen Splittern zusammensetzt und dabei noch einmal auf gruselige Weise lebendig(?) wird: die Zeit, in der Amerika aufbrach, die Welt nach seinen Vorstellungen zu gestalten.

Um so ein Werk zu schaffen, muss man Zugang zu einem gewaltigen Bild-, Ton-, Film- und Videofundus haben. Mit dem BBC-Archiv verfügte Curtis über eine der größten Sammlungen weltweit. Aber das allein war nicht genug. Man braucht auch einen Plan, eine Idee, einen Leitfaden für das Zusammentragen, Auswählen und Aneinanderfügen der einzelnen Bestandteile. Dazu ein paar erhellende Zitate von Adam Curtis (die englischsprachige Quelle finden Sie hier):

"Ich wollte einen Film darüber machen, wie es sich wirklich anfühlte, diese Zeit zu erleben ... In der man die Wurzeln jener Ungewissheiten erkennen kann, die wir heute verspüren, die Dinge, die sie damals draußen an den dunklen Rändern der Welt taten, ohne zu spüren, welche davon einst zurückkommen und uns heimsuchen würden."
"Das Wichtigste ist, was du begehrst. Aber ein großes Paradoxon unserer Zeit besteht darin, dass das, was wir begehren, möglicherweise nicht aus uns selbst kommt."
"Das iPhone ist ein gutes Beispiel. Die Menschen fühlen, dass sie eins wollen - um sich damit auszudrücken. Aber sie alle wollen eins, alle zur gleichen Zeit. Woher kommt das? Von innen oder von außen? Weil wir in einer Epoche leben, in der vor allem das Individuum zählt und alles aus der Ich-Perspektive gesehen wird, haben wir die mächtigeren Kräfte aus dem Blick verloren. Und das schränkt uns ein, nicht nur in unserem Weltverständnis; es hat uns kraftlos werden lassen. Ich denke, das ist es, worauf ich damit wirklich hinauswill."
"Ich hoffe, dass sie Abstand gewinnen wie mit einem Hubschrauber und dass sie sich dann selbst betrachten und sich darüber klarwerden, dass sie nicht nur Produkte ihrer eigenen kleinen inneren Wünsche sind, sondern ebenso Produkte der Geschichte, der Macht und der Politik. Wir alle sind Teil einer großen geschichtlichen Epoche. Genau das sind wir. Und manchmal vergessen wir das."

„It Felt Like a Kiss“

ist tatsächlich eine Art Hubschrauber, mit dem man aufsteigen und einen Überblick über den ausgerollten Geschichtsteppich gewinnen kann. Adam Curtis hat damit einen ganz eigenen Weg gefunden, jenes gespenstische Spinnen und Weben der Geschichte sichtbar werden zu lassen, das uns alle erfasst und schicksalhaft an- und ineinanderknüpft.

Anmerkungen:

  • Der Film „It Felt Like a Kiss“ war Teil einer gleichnamigen großen Theaterproduktion und Installation, die Adam Curtis 2009 zusammen mit der Gruppe „Punchdrunk“ in Manchester realisierte.
  • Falls Sie über ein Stichwort hierhergelangt sind, das aber im Text nicht erscheint: im Film werden Sie fündig!
  • Tipp: Genießen Sie den Film bildschirmfüllend und mit externen Lautsprechern.

Wenn es noch eine Chance für ein geeintes demokratisches Europa gibt, dann liegt sie in der Stärkung der europäischen Regionen bei gleichzeitiger Schwächung der historisch belasteten und auch von der Größe her sehr ungleichen Nationen. Es müsste eine Politik sein, die tatsächlich auf dem Subsidiaritätsprinzip basiert, in der Probleme also auf möglichst niedrigen Ebenen und damit näher als bisher bei den Bürgern gelöst werden. Der Vortrag von Dr. Ulrike Guérot (Politikwissenschaftlerin, Gründerin und Direktorin des European Democracy Lab in Berlin) befasst sich in ihrer Tour d’Horizon auf sehr anregende und informative Weise mit diesem Thema.

„Warum die Rettung Europas nicht gelingen kann“

In seinem etwa einstündigen Vortrag (mit anschließender Diskussion) bietet Heiner Flassbeck eine gut verständliche Einführung in die ökonomischen und damit auch politischen Grundwidersprüche in Europa an. Die Hintergründe der krisenhaften Entwicklung im Euro-Raum werden ebenso erhellt, wie die skandalöse Realitätsverweigerung unserer verantwortlichen Politiker.

Anhand einer Vielzahl von Fakten zeigt Flassbeck die Differenz auf zwischen deutscher Selbstwahrnehmung (vorbildliche Nation und Wirtschaftslokomotive Europas) und der tatsächlichen Funktion Deutschlands als wirtschaftlicher und politischer Zerstörer der europäischen Einheit.

Die Schuldenbremse in der deutschen Verfassung war nach Flassbeck, „die dümmste Einzelentscheidung, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gesetzgeberisch getroffen hat.“ Es sei abwegig, ja abartig gewesen zu glauben, der Staat könne immer seine Schulden auf Null halten, ohne zu bedenken, was im Rest der Welt wirtschaftlich passiere.

Flassbeck sagt für die 2017 anstehenden politischen Entscheidungen in Italien und Frankreich eine massive Stärkung der Euro(pa)-Gegner und im Gefolge einen Zerfall des Euros und der EU voraus. Mit katastrophalen Konsequenzen für Deutschland (starke Aufwertung der deutschen Währung, damit einhergehende Verluste bei den Exporten und massiv steigender Arbeitslosigkeit).

Sehr informativ ist übrigens auch der Internetauftritt Flassbecks. Die Mehrzahl der Beiträge dort ist allerdings nur für zahlende Abonnenten zugänglich.

Heiner Flassbeck (*1950) war 1998 bis 1999 Staatssekretär im Bundesfinanzministerium unter Oskar Lafontaine. Von 2003 bis 2012 war er Chef-Volkswirt der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD).

Man weiß noch nicht, wie es zu dem „Putschversuch“ vom 15./16. 07. 2016 gekommen ist und wer letztlich dafür verantwortlich ist. Vielleicht wird man das auch nie herausfinden. Klar ist nur eins: Mit diesem Ereignis ist Recep Tayyip Erdoğan seinem Ziel einer totalen Machtergreifung in der Türkei ein gewaltiges Stück nähergekommen.

Erdoğan und seine Umgebung nutzen den syrischen Bürgerkrieg (den sie selbst mit ausgelöst und bewusst verschärft haben) und die aus diesem Ereignis resultierende Flüchtlingswelle dazu, Europa zu paralysieren und auszumanövrieren, um ein großtürkisches Hegemonialsystem aufbauen und installieren zu können. Die bereits vor dem Putsch begonnenen und nun deutlich gesteigerten Verhaftungs- und Entlassungswellen gegen türkische Abgeordnete, Journalisten, Richter, Militärs und andere gesellschaftliche und Berufsgruppen erinnern fatal an die Gleichschaltungspolitik der deutschen Nationalsozialisten ab 1933. Die derzeitige Appeasementpolitik des Westens ist gänzlich ungeeignet, die unheilvolle und für die Zukunft Europas völlig inakzeptable Entwicklung der Türkei in den Griff zu bekommen. Massive Konsequenzen müssen umgehend gezogen werden. Andernfalls wird Europa auf lange Sicht destabilisiert und geschwächt werden. Jetzt ist der ultimative Zeitpunkt für die Gründung einer explizit europäischen Außenpolitik und einer diesem Zweck dienenden gesamteuropäischen Militärmacht gekommen. Wer diesen historischen Moment verpasst, wird die Konsequenzen zu verantworten haben. Nebenbei: Die Türkei in ihrem derzeitigen politischen Zustand kann und darf kein NATO-Mitglied bleiben!

Zur Erinnerung:

Journalistenfrage: "Kann die Türkei zu einem Präsidialsystem umgebaut werden und zugleich zentralstaatlich organisiert bleiben?"
Antwort Erdoğan: "Es gibt aktuell Beispiele in der Welt und auch Beispiele in der Vergangenheit. Wenn Sie an Hitler-Deutschland denken, haben Sie eines. In anderen Staaten werden Sie ähnliche Beispiele finden."

Diese Reaktion des Karikaturisten Carlos Latuff auf Erdoğans Antwort war am 01. 01. 2016 im „Guardian“ zu sehen:

Du sollst „eseinmalbesserhaben“, …

… so lautete das Eltern- und Großelternwort, das schon in unserer Sechzigerjahrekindheit wie eine versteckte Drohung klang. Wenn es auch einen verlockenden Beigeschmack hatte, fühlte sich „eseinmalbesserhaben“ doch an wie ein kollektives Maßnehmen für die Rache an jenem ungerechten und demütigenden Los, das uns – von wem und warum auch immer, so genau wollen wir das gar nicht wissen – aufgebürdet worden war. Bald schon stellte sich heraus, dass „eseinmalbesserhaben“ in direkter Linie blutsverwandt war mit „eswirdeinmaleinwundergeschehn“ und mit der „Wunderwaffedesführers“, an deren wohltuenden Klang die Älteren sich geklammert hatten, um den nahenden Abschied vom tausendjährigen Reich der völkischen Verheißungen wenigstens noch um ein paar Wimpernschläge hinauszuzögern. Dabei hatten – so besang es der Dichter – ihre Augen geleuchtet „wie die Scheiben brennender Irrenhäuser“. Ein paar Jährchen danach startete dann „eswirdeinmaleinwirtschaftswundergeschehn“ und der düstere Racheplan der Geschlagenen begann sich zu entfalten.

Viel später, ein halbes Jahrhundert später ist heute. Wir Kinder von damals haben den Zenit unseres Lebens längst überschritten und marschieren in Viererreihen auf die Kasernen der Ewigkeit zu. Die in uns gepflanzte Heimzahlung ist reif geworden, aber anders als die Ahnen es sich erhofft hatten. Aus „eseinmalbesserhaben“ war ein grausamer Fluch geschlüpft, der sich in unsere Seelen setzte. Wie ein Vampir kauert er seither zwischen „indieseweltsetzeichdochkeinekinder“, „hauptsachegutgelebt“ und „nachmirdiesintflut“ und saugt gierig unsere Lebenssäfte.

Ja doch, wir haben es besser! Aber wir sind nicht besser. Und es geht uns nicht besser. Und wir leben nicht besser. Wir lachen auch nicht besser, denn wir haben nichts zu lachen. Um ehrlich zu sein: es geht uns mies, mies, ganz beschissen. Im Angesicht der unendlichen Leere und Oberflächlichkeit unseres Lebens erscheint uns inzwischen gar die Sintflut als eine leuchtende Verheißung. Ach, gäbe es doch Alternativen! Es gibt keine. Es gibt nur den engen dunklen Sack, der sich als böse Endzeitwolke unaufhaltsam nähert, um sich über unseren Kopf zu stülpen und uns den letzten Atemzug zu rauben samt allen Erinnerungen an unser „Bessergehabthaben“, von dem sich nichts, aber auch gar nichts in ein „Dableibendürfen“ oder wenigstens in ein „Mitnehmenkönnen“ umtauschen lassen will. Selbst unsere Modelleisenbahnen – Oh Gott, diese in Feinmechanik geronnenen Verweigerungen des Erwachsenwerdens! – müssen wir wohl zurücklassen.

So warten wir also in unseren Hobbykellern angstvoll, bitter und dumpf auf den letzten Kuss der Schwärze, während an unseren Küsten Schwarze landen, die sich mit eigener Kraft einen Ausweg aus ihrer Not bahnen konnten. Sie überwanden Sintflut, Tod und Teufel, um schließlich unsere Nachbarn zu werden. Ihr glückliches Lachen strahlt und schallt in unser trauriges Miserere hinein und ein unvorstellbarer Hass auf das Leben überkommt uns … auf das Katzengold der Verheißungen … auf die leeren Versprechungen unserer ahnungslosen Ahnen … und wenn wir könnten, … wenn wir nur könnten, … wenn …

Wir können nicht mehr.

Vor kurzem bin ich bei YouTube zufällig auf die unten verlinkten Interviews gestoßen, die viele wertvolle Informationen für Freunde des Dokumentarfilms enthalten.

Man begegnet den bekannten österreichischen Regisseuren Ulrich Seidl, Michael Glawogger und Erwin Wagenhofer sowie dem Kameramann Wolfgang Thaler, der eng mit Glawogger und Seidl zusammengearbeitet hat. Dabei lernt man wichtige Aspekte des Dokumentarfilmens kennen und bekommt Einblicke in den Werdegang, die Arbeitsweise und das Temperament der Interviewten. In dem Beitrag mit Ulrich Seidl geht es unter anderem auch um die faszinierenden Grenzbereiche zwischen rein Dokumentarischem und Inszeniertem, die in Seidls Werk eine wichtige Rolle spielen (was man etwa im Trailer zu „Im Keller“ deutlich sehen kann).


Auszug aus der Filmographie: „Good News“ (1990) / „Hundstage“ (2001) / „Import Export“ (2007) / „Im Keller“ (2014)


Auszug aus der Filmographie: „Megacities“ (1998) / „Workingman’s Death“ (2005) / „Whores‘ Glory“ (2011)


Auszug aus der Filmographie: „We Feed the World“ (2005) / „Let’s Make Money“ (2008) / „Alphabet“ (2013)


Kameramann u. a. bei folgenden Filmen von Glawogger und Seidl: „Megacities“, „Hundstage“, „Workingman’s Death“, „Import Export“, „Whores‘ Glory“

Slavoj Žižek (*1949) widerspricht der Mär vom „postideologischen Zeitalter“ und zeigt Funktionsweisen aktueller Erscheinungsformen von Ideologie auf. Dank der deutschen Übersetzung bietet sich der Beitrag als gut verständlicher Einstieg in die komplexe Gedankenwelt des Lacan-Schülers, Hegelianers und Marxisten Žižek an.

Länge: ca. 55 Minuten. Erstsendung 19.06.2016 im SRF in der Reihe „Sternstunden“. Zitat aus dem YouTube-Auftritt der Reihe: „Für Slavoj Žižek ist alles Ideologie: Ob Kapitalismus oder Toleranz, Islamismus oder ganz gewöhnlicher Alltag. Handykauf, Klamottenwahl, Zahnpasta – alles ist ideologisch verbrämt. Daher ist für ihn marxistische Gesellschaftskritik kein Schnee von gestern, sondern aktueller denn je. Denn wo früher Religion die Menschen verblendete, knechten heute Technokratie und Kapitalismus die Menschen, findet Žižek. Gleichwohl hält der slowenische Philosoph an der Vorstellung von Wahrheit fest und plädiert für Menschenrechte und Eurozentrismus. Wie das zusammengeht, erläutert er im Gespräch mit Barbara Bleisch.“

Gespräch mit dem US-amerikanischen Ethnologen und bekennenden Anarchisten David Graeber (*1961). Sein Werk „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ ist die erste umfassende Geschichte des Schuldenmachens und der Verschuldung als Herrschaftsinstrument. Graeber lehrt an der London School of Economics and Political Science.

Länge: ca. 59 Minuten. Erstsendung 01.05.2016 im SRF in der Reihe „Sternstunden“. Zitat aus dem YouTube-Auftritt der Reihe: „Der Anthropologieprofessor und Anarchist David Graeber sagt der Bürokratie den Kampf an. Zum Tag der Arbeit verwickelt Stephan Klapproth den Vordenker der Occupy-Bewegung in ein Gespräch über überflüssige Jobs, schädlichen Amtsschimmel und die Frage, ob wir ohne Staat besser leben würden.“